VAMOS JUNTOS | Freundeskreis Deutschland - Bolivien e.V.

Deine Arbeit in La Paz

Der Wecker klingelt. Schnell aufstehen, ...


... bei VAMOS JUNTOS beginnt die Arbeit morgens um Punkt 8:30 Uhr! Gemeinsam mit deinen drei Mitbewohnern (= die anderen drei Freiwilligen von VAMOS JUNTOS) machst du dich auf den Weg. Das Büro liegt 20 Minibus-Minuten von der Freiwilligenwohnung entfernt. Dort trifft sich morgens das Team, um den Tag zu besprechen. Steht nichts Besonderes an, geht es für die Freiwilligen auf die Straße.

Die Straßen von La Paz sind laut und belebt. Die Luft schwirrt vom Hupen der Minibusse, den Stimmen der Verkäuferinnen, die lauthals ihre Ware anpreisen, dem Stimmengewirr von Tausenden von Menschen. Hier liegt der Schwerpunkt deiner Arbeit.

Die meisten Schuhputzer sind in Gruppen organisiert, die an festen Orten arbeiten. Jeden Tag setzt du dich dort neben sie, tauschst dich aus, berichtest Neues aus dem Büro. Neben dir wird fleißig weitergeputzt und je nach Laune viel oder weniger erzählt. So wirst du langsam fester Ansprechpartner und Vertrauensperson für die Schuhputzer. Gerade am Anfang hilft das Sparprojekt, einen ersten Kontakt herzustellen. Dabei bist du eine Art mobile Bank, die den Schuhputzern die Möglichkeit bietet, Geld einzuteilen und zurückzulegen.

Jeder Freiwillige betreut zwei bis drei Gruppen, das entspricht 40- 50 Schuhputzern. Die meisten von ihnen sind Männer zwischen 25 und 50 Jahren. Manche putzen aber auch noch mit über 80 Jahren jeden Tag Schuhe!

Bei deinen Gesprächen erfährst du viele Dinge, die wichtig sind für die Schuhputzer und für die Arbeit von VAMOS JUNTOS. Beim gemeinsamen Mittagessen im Team zwischen 13:00 und 14:00 Uhr werden diese Neuigkeiten ausgetauscht; es geht beim Mittagessen aber nicht in erster Linie um die Arbeit, sondern um den persönlichen Austausch. Dafür kocht jedes Teammitglied etwa alle zwei Wochen für das gesamte Team. So gibt es Kostproben aus der deutschen und bolivianischen Küche.

Am Nachmittag geht es, wenn nichts Anderes ansteht, wieder auf die Straße. So kann es Tage geben, an denen du nichts Weiteres macht, als für die Schuhputzer da zu sein. Das hört sich vielleicht nach wenig an, kann aber trotzdem – vor allem am Anfang vielleicht noch mit holprigem Spanisch – sehr anstrengend sein.

Was sind weiter deine Aufgaben, neben der Kommunikation, dem Austausch und dem Vertrauensaufbau auf der Straße? Montags arbeitet das gesamte Team im Büro: Morgens findet die wöchentliche Teambesprechung statt, nachmittags werden Aktivitäten gemeinsam geplant und vorbereitet. Außerdem hilft jeder Freiwillige einen Nachmittag in der Woche in der Bibliothek und im Büro mit. Hier hast du auch Zeit, Berichte über die Arbeit zu erstellen. Im Rahmen der sozialen Familienhilfe besuchen die bolivianischen Sozialarbeiterinnen die Familien der Schuhputzer, um ihr soziales Umfeld kennenzulernen. Hierbei kannst du sie begleiten und Einblicke in das bolivianische Familienleben und die bolivianische Kultur gewinnen. Außerdem begleitest du Schuhputzer und Angehörige zum Arzt oder planst und betreust Aktivitäten wie Fußballturniere oder Ausflüge. Also: die Arbeit ist umfangreich und vielfältig.

Gegen 17:30 geht der Arbeitstag zu Ende. Erschöpft und voller Eindrücke verlässt du das Büro. Es wird dunkel in La Paz.

Verantwortung innerhalb der Arbeit

Die Freiwilligen bei VAMOS JUNTOS sind bei ihrer Arbeit sehr auf sich selbst gestellt und tragen eine große Verantwortung. Gerade damit ist aber auch ein besonderer Reiz der Arbeit verbunden.

Da das Team von VAMOS JUNTOS klein ist, sind die Freiwilligen an vielen Entscheidungen, die getroffen werden müssen, unmittelbar beteiligt. Sie können während ihrer gesamten Einsatzzeit ihre Ideen in die Arbeit mit einbringen und haben so auf die Gestaltung des Projektes einen großen Einfluss.

Darüber hinaus müssen die Freiwilligen regelmäßig Buch führen, so über den Umgang mit Geldern der Schuhputzer oder des Vereins, mit anderen Worten: über alle Einnahmen und Ausgaben (Sparprojekt, Ausgaben für die Unterstützung in den verschiedenen Arbeitsbereichen), die in der Verantwortung der Freiwilligen liegen. Für das eingesammelte Geld beim Sparen ist der Freiwillige persönlich verantwortlich.

Über jeden besonderen Fall während der Arbeit müssen die Freiwilligen einen kurzen Bericht erstellen und diesen in der Teambesprechung vorlegen. Vierteljährlich fertigen sie ausführliche Berichte für VAMOS JUNTOS und für das BMZ an, in denen sie über ihre Erfahrungen des Freiwilligenjahres (Arbeit, Land und Leute, Kultur etc.) informieren.

Dass die persönlichen Belange der Schuhputzer und vereinsinterne Vorgänge sowie Personalangelegenheiten der Schweigepflicht unterliegen, ist selbstverständlich.

Die Arbeit mit den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in La Paz sowie mit den Familien der Betroffenen setzt bei den Freiwilligen zum einen ein besonderes Maß an Sensibilität gegenüber den Betroffenen voraus und fordert zum anderen die Bereitschaft zu einer verantwortlichen eigenen Lebensführung. Die Freiwilligen verpflichten sich, durch ihre persönliche Lebensführung dieser Verantwortung Rechnung zu tragen, durch ihre Arbeit die sozialen Ziele des Vereins zu unterstützen und zu fördern und sich entsprechend den Zielen des Vereins für die persönlichen Belange der Schuhputzer einzusetzen. Insbesondere sind der Kauf, der Besitz und der Konsum von Drogen jeder Art untersagt. Bei Zuwiderhandlung wird der Freiwilligendienst durch VAMOS JUNTOS abgebrochen.

Interkulturalität

Ganz groß geschrieben wird bei uns die Interkulturalität. Da unser Team etwa zur Hälfte aus bolivianischen und zur anderen Hälfte aus deutschen Mitgliedern besteht, ist es uns besonders wichtig, ein gemeinsames Kulturverständnis zu schaffen. Neben unserem täglichen gemeinsamen Mittagessen setzen wir uns einmal im Monat zusammen, um uns über unsere Landesgeschichte, Traditionen und Gebräuche, Geschichten, Legenden und Lieder auszutauschen. So besuchen wir im Januar gemeinsam die Alasitas, einem Miniaturmarkt zu Ehren der Naturgottheit des Überflusses Ekeko, der alle Wünsche in Erfüllung gehen lässt. Im Frühjahr feiern wir außerdem Karneval verbunden mit einer Weihung der Büroräume (ch’alla), um die Pachamama, die Mutter Erde, wohl zu stimmen. Ostern wird mit Ostereiersuche und bemalten Eiern eher auf deutsche Weise gefeiert. Im Laufe des Jahres gibt es noch den Tag der Freundschaft (23. Juli), den Tag der Liebe (21. September), die Nationalfeiertage am 6. August und 3. Oktober und natürlich die Advents- und Weihnachtszeit. Auch in dieser Zeit werden wieder die deutschen Mitglieder aktiv, die mit Adventskalender, Adventskranz, Plätzchen und Glühwein die Herzen des Teams erwärmen. In den Monaten, in denen es keine festen Daten gibt, wird gemeinsam gekocht, Geschichte weitergegeben, Videos geschaut, Karaoke gesungen, etc. Wichtig für den kulturellen Austausch ist auch der Deutschunterricht, den die Freiwilligen einmal in der Woche für das Team anbieten.

Zusätzlich zu den interkulturellen Aktivitäten gibt es einmal im Monat auch eine Weiterbildung, für die wir Fachpersonal zu den verschiedenen Arbeitsbereichen einladen. Auch hier geht es oft um kulturelle Unterschiede, beispielsweise bei Themen wie Teamarbeit und Kommunikation, aber auch in den Bereichen des Umgangs mit Alkohol oder Arbeit mit alten Menschen.

 

Ungeahnt tiefe Einblicke

Ein Jahr mit VAMOS JUNTOS als streetworker in La Paz


Als ich Mitte 2011 für ein Jahr nach Bolivien ging, um die Schuhputzer von La Paz durch soziale Straßenarbeit zu unterstützen und meinen eigenen „Erfahrungsschatz“ zu erweitern, da ahnte ich noch nicht, welche Möglichkeiten und Einblicke ich als „Fremder“ dort erhalten würde.

Im Gegenteil ging ich zunächst davon aus, dass mein Auslandsjahr eher eine ruhige Zeit werden würde, ich der ich zwangsläufig viel Zeit haben würde mich mit mir selbst zu beschäftigen, was neben dem Berufsleben zuvor in Deutschland - wo ich in einer Bank arbeitete - nicht der Fall war.

Doch es kam ganz anders. Die Arbeit mit den vielen verschiedenen Schuhputzern jeglichen Alters und ihren Familien selbst war vielfältig und umfangreich. Sie forderte Energie und Verantwortung und nahm einen ganz in Anspruch, so dass an Langeweile nicht zu denken war. Das Besondere für mich dabei waren die aus der Arbeit, den persönlichen Begegnungen und Freundschaften entstandenen Möglichkeiten - gerade als Ausländer - tief in die einzigartige bolivianische Hochlandkultur der Nachfahren der Aymara blicken zu dürfen, ja diese sogar „mitleben“ zu können.

So zum Beispiel beim privaten Besuch einer Schuhputzerfamilie zum Kartoffelpflanzen auf dem rauen und kargen Altiplano, der Hochebene des Andenhochlands. Hier lernte ich eine ursprüngliche, herzliche und einfache Welt kennen und wurde sofort und unbefangen aufgenommen. Fern von den wachsenden Bedürfnissen der Stadtbewohner, die Wohlstand, Werbung und Konsumwünsche täglich vor Augen geführt bekommen. Hier musste man einfach zusammenhelfen und -arbeiten, denn ohne Teilen des Wenigen, dass man zum Leben hatte, war keine Existenz sicher. Diese anspruchslose, bitterarme und dennoch fast „heile“ Welt war die eigentliche Heimat und Herkunft fast aller Schuhputzer, die es der Arbeit wegen in die Großstadt La Paz verschlagen hatte. Denn die Äcker des Altiplano werfen kaum genug zum Leben ab.

Doch auch in der Stadt hilft allein die tägliche, lange und harte Arbeit den Schuhputzern nicht, um aus der Armut ausbrechen zu können. Das lässt sich nur durch Bildung und einen beruflichen Aufstieg bewerkstelligen.

Auch da ich selbst mehrmals die „pasamoñtana“, die Gesichtsmaske der Schuhputzer, anlegte und mich mit auf den Bordstein setzte, um in Abgasen, Lärm und Verkehrschaos die Schuhe der „paceños“ (der Bevölkerung von La Paz) zu bürsten, einzufetten und auf Hochglanz zu polieren, konnte ich selbst fühlen, in welch tiefer Nische der Gesellschaft die Schuhputzer doch sitzen. Anders als Sie wurde ich aber auch in die Häuser der Wohlhabenden eingeladen, konnte in Shoppingcentern, Discotheken und edlen Restaurants ein und aus gehen. Und das unabhängig von Kleidung und Geld, lediglich durch mein europäisches Aussehen.

Diese Möglichkeiten empfand ich zwar als zwar als ungerecht, aber auch als Chance. Denn gerade weil mir andere Gesellschaftsschichten immer wieder mit Vorurteilen, Skepsis und den immer wieder gleichen negativen Aussagen zu den Schuhputzern gegenübertraten, so waren sie doch erstaunt über meine Arbeit und hörten gerade mir - dem Europäer – zu, wenn ich aus erster Hand zu berichten wusste, wie anders die Arbeit und das Leben des Schuhputzers in der Regel doch aussieht, der als Familienvater, Großvater, Student oder alleinerziehende Mutter täglich für den Lebensunterhalt der Familie kämpfen muss.

Mischa Bareuther, Freiwilliger bei „Vamos Juntos“ 2011/2012

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