VAMOS JUNTOS | Freundeskreis Deutschland - Bolivien e.V.

Bildung

Wir ermöglichen jungen Schuhputzern den Schulbesuch durch individuelle soziale und materielle Unterstützung.

Fast alle älteren Schuhputzer – Frauen und Männer – haben schon im Alter von acht bis zwölf Jahren mit der Arbeit auf der Straße als Schuhputzer, Busausrufer oder Bonbonverkäufer begonnen. Dabei war die Kinderarbeit für sie oft mit der Konsequenz verbunden, dass sie die Schule gar nicht besucht oder ohne Abschluss verlassen haben. Jetzt, selber Eltern, möchten sie ihren eigenen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen. Bei ihrem niedrigen Einkommen ist das allerdings nicht so leicht: wie sollen sie ihre Kinder in die Schule schicken, wenn das Geld für Essen und Kleidung schon knapp ist? Für die Schuluniform, die Bücher und die Einschreibegebühr muss nämlich – anders als in Deutschland – jede Familie selbst bezahlen.
Unsere Arbeit richtet sich also nicht nur an die Schuhputzer selbst, sondern auch an ihre Angehörigen: Ist die finanzielle und soziale Lebensgrundlage der Familie einmal gesichert, müssen die Jüngeren nicht mehr mitarbeiten. Sie haben mehr Zeit und Kapazität um in die Schule zu gehen und die Hausaufgaben zu erledigen. Durch den Schulbesuch haben sie später die Chance auf einen besser bezahlten Beruf und ein regelmäßiges Einkommen.
Um den Schulbesuch gewährleisten und damit den Schulabschluss erreichen zu können, bieten wir den Schülern pädagogische Evaluierungen und Betreuung an. Wir führen Gespräche mit den Lehrern und geben den Eltern notwendige Orientierung. In unseren Büroräumen haben alle Schuhputzer und ihre Familienangehörigen Zugang zu unserer Bibliothek und können die PC-Plätze und das Internet für ihre Arbeiten nutzen. Mit Projekten wie der Ausgabe der Schulmaterialien und der Unterstützung beim Kauf von Schulbüchern und -uniformen garantieren wir den Schulbesuch, da die Kinder ohne diese Materialien vom diesem ausgeschlossen werden würden. Für die Schüler der letzten Jahrgänge organisieren wir regelmäßig Berufsberatungen und Seminare zur Lebensplanung, um sie zur Aufnahme einer Berufsausbildung zu motivieren. Mit Patenschaften für Abendschüler, die ihren Schulanschluss nachmachen und besonders guten Schülern der Klassen 10 bis 12 sowie mit Stipendien für Ausbildung und Studium für Schuhputzer unterstützen wir sie, eine berufliche Zukunftsperspektive und längerfristige Lebensplanung zu entwickeln.

Schulmaterialien Ein Bild für ein Buch Motorik Berufsorientierung Patenschaften

Abendschule

Sehr wichtig sind uns Jugendliche und ältere Personen, die bisher noch nicht über einen Schulabschluss verfügen. Wir motivieren sie immer wieder, diesen an einer Abendschule nachzuholen. Einbezogen in diese Unterstützung sind auch ältere Personen, die überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben Lesen und Schreiben lernen.

So geht nun Doña Norah in die Schule. Als Kind hatte sie lediglich die erste Klasse besuchen können, da sie schon früh als Hausmädchen in verschiedenen Familien arbeiten musste. Jetzt kann sie inzwischen ihren Namen problemlos schreiben und auch schon ganz gut lesen. Nach einiger Zeit kam sie zu uns, um sich für die Schulmaterialien zu bedanken, die sie für sich, ihre Kinder, die ihren Schulabschluss nachholen, und für ihre Enkel, die ganz regulär zur Schule gehen, abgeholt hatte. Dabei erzählte sie ganz stolz von ihrem ersten Erfolgserlebnis. Ein Nachbar, der wusste, dass sie bisher Analphabetin gewesen war, war zur ihr gekommen und meinte, dass sie noch eine Nachzahlung über 80 Bolivianos für die Stromverlegung machen müsse. Sie meinte daraufhin, dass sie das Papier sehen wolle und stellte dabei fest, dass es sich bei dem Schreiben um ein Papier aus dem Jahr 2008 handelte und gar nicht an sie gerichtet gewesen war. Der Nachbar war überrascht, dass Doña Norah ihn auf diese Weise überführt hatte, so geht sie nun noch motivierter zur Schule.

Für uns sind dies natürlich auch immer Erfolgserlebnisse und so motivieren wir weiter die Schuhputzer und ihre Familienangehörigen, auch wenn sie schon etwas älter sind, zum Schulbesuch.

Ausbildung und Studium

Jugendliche Schuhputzer, die den Vorkurs für einen Studiengang erfolgreich abgeschlossen haben, werden in die Anwärterliste des Stipendienprogramms von VAMOS JUNTOS übernommen. Für diese jungen Studierenden werden in Deutschland Paten gesucht, die bereit sind, das Studium durch einen regelmäßigen monatlichen Beitrag zu unterstützen. Die ersten Schuhputzer haben im Jahr 2005 ihr Examen bestanden, inzwischen arbeiten einige als Lehrer, Architekten, Informatiker und Juristen und haben einen sicheren Arbeitsplatz – ein Zeichen dafür, dass wir auf einem guten Weg sind. Da viele berufliche Ausbildungsgänge oft mit monatlichen Kosten verbunden sind, die an das Ausbildungsinstitut entrichtet werden müssen, leisten wir, soweit wir können, seit Anfang 2008 auch hier Unterstützung. Darüber hinaus erhalten viele Schuhputzer und ihre Familienangehörigen finanzielle Hilfe für den Kauf von Ausbildungsmaterialien und notwendigen Instrumenten sowie einen Zuschuss bei der Beantragung von Schul-, Ausbildungs- und Studienabschlüssen.
Wie wichtig eine solche Unterstützung ist, zeigt Winger in seinem Lebensbericht:

Mit sieben Jahren habe ich begonnen zu arbeiten. Als erstes arbeitete ich als Müllsammler. Ich ging von Haus zu Haus und klingelte bei den Leuten. Auf einem Wägelchen sammelte ich den Müll ein und brachte ihn weg. So arbeitete ich bis zu meinem neunten Lebensjahr. Dann wollte ich etwas anderes machen und ich begann, Autoreifen zu waschen. Dort wurde ich allerdings schlecht behandelt und sehr schlecht bezahlt. Trotzdem arbeitete ich dort, bis ich elf Jahre alt wurde. Dann verkaufte ich Salteñas (typische Backwaren), arbeitete als Küchengehilfe und als Mauergehilfe.

Und irgendwann wollte ich dann Schuhe putzen. Mein Vater baute mir einen Schuhputzkasten aus Holz. Der Kasten wurde sehr groß, aber ich war sehr stolz. Also begann ich, zunächst in meinem Viertel und dann später im Stadtzentrum von La Paz die Schuhe den Leuten die Schuhe zu putzen. Und so arbeitete ich lange Zeit und ging zur Schule. Als ich in der 11. Klasse und damit kurz vor meinem Schulabschluss war, lernte ich sehr nette Leute kennen – sie gehörten zum Team von VAMOS JUNTOS. Sie unterstützten mich sehr. So beendete ich meine Schullaufbahn und habe mir nun zum Ziel gesetzt, eine Ausbildung zu machen. Ich möchte auf jeden Fall weiter studieren und jeden Tag besser werden.
Die Ausbildung, für die ich mich entschieden habe, ist Automechanik. Ich mag die Praxis mehr als die Theorie und arbeite gerne mit den Händen. Und so werde ich eines Tages eine Berufsausbildung haben und auf diese Weise Geld verdienen können. Damit möchte ich meine liebe Mutter und meine jüngeren Schwestern unterstützen, die ich sehr gerne habe. Auch werde ich nie die guten Menschen vergessen, die mir auf diesem Weg geholfen haben. Ihr Lohn wird der Eingang ins Himmelreich sein.

Patenschaften

Bibliothek

Ob Schule oder Studium - eben mal was „googlen“ oder online nachlesen gehört auch in Bolivien immer mehr zum Lernalltag. Zu Hause haben allerdings die Wenigsten einen Internetanschluss. Und lernen im unruhigen Internetcafé? Das ist keine ideale Voraussetzung für konzentriertes Arbeiten.
Zu unseren Räumen gehört deshalb seit 2009 eine eigene Bibliothek. Wir besitzen ein breitgefächertes Angebot mit einem Bestand von 1200 Büchern (Nachschlagewerke, Schulbücher, Fachliteratur, Kinder- und Jugendbücher, Romane), eine Tageszeitung, eine Monatszeitung (herausgegeben von einer Gruppe von Schuhputzern), viel Audio- und Filmmaterial sowie eine Spielecke für Kinder. Außerdem können wir den Besuchern unserer Bibliothek zwei Computer mit Internetzugang und einen Fotokopierer zur Verfügung stellen. Umsonst surfen, günstig kopieren und drucken – das ist eine enorme Arbeitserleichterung während der Ausbildung. Zudem schaffen wir mit der Bibliothek einen Raum, in dem gemeinsam gelernt, beraten, diskutiert und nachgeschlagen werden kann. In Einzelfällen findet hier auch Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung durch unsere Freiwilligen oder Stipendiaten statt.

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