VAMOS JUNTOS | Freundeskreis Deutschland - Bolivien e.V.

Förderung der sozialen Integration

Vorgehen gegen Diskriminierung

Im lauten Trubel der Stadt sitzen sie täglich viele Stunden. Auf einem kleinen Hocker vor ihrer „caja“, dem kleinen Kasten, der die Putzutensilien enthält: farbige Flüssigkeit, Schuhcreme, verschiedene Bürsten und Lappen. Menschen rauschen vorbei. Alle tragen Schuhe und viele nehmen gerne die Arbeit der Schuhputzer in Anspruch – saubere Schuhe sind in La Paz ein Muss für ein gepflegtes Auftreten. Jemand stellt einen Fuß auf die „caja“ und schon fliegen Hände und Bürsten geschickt über die Schuhe. Über den Kasten gebeugt bürsten, tupfen und polieren Schuhputzer, bis der Schuh in neuem Glanz – brillo! – erstrahlt. Eine anstrengende Arbeit mit wenig Anerkennung seitens der Kundschaft. Wer Schuhe putzt, hat’s nicht weit gebracht, so heißt es. Neben ihrem geringen Lohn kämpfen Schuhputzer gegen ihren schlechten Ruf und ihre niedrige Stellung im sozialen Netzwerk der Großstadt.

La Paz und El Alto sind die einzigen Städte in Bolivien, aber auch auf der Welt, soweit wir wissen, in denen sich die Schuhputzer vermummen, um nicht erkannt zu werden. Der Gebrauch der Sturmmütze geht auf den Wettbewerb zurück, den die Schuhputzer mit ihren Schuhputzkästen in der Hand den Schuhputzern mit ihren Sitzen, in denen die Klienten Zeitung lesen können, gemacht haben. Letztere sind schon seit 1908 in einem Syndikat organisiert. Die ersten von ihnen arbeiteten auf der Plaza Murillo, an dem sich auch der Regierungspalast und das Parlament befinden. So hatten sie direkten Kontakt zu wichtigen Persönlichkeiten und Autoritäten, denen sie täglich die Schuhe putzten. Die Arbeit war gut in der Gesellschaft angesehen, die Stadt erkannte sie als Berufsgruppe an und seit Gründung des Syndikats zahlen sie Steuern an die Stadt. Von der Plaza Murillo zogen sie auch auf andere Plätze. Zu Glanzzeiten des Syndikats hatte dieses um die 200 Mitglieder, heute sind es noch etwa 50. Bis in den 80er Jahren gab es keinen Wettbewerb unter den Schuhputzern. Doch als Folge des Neoliberalismus und der starken Inflation in den ersten Jahren der Demokratie nach der Diktatur kam es zu großen Veränderungen in der bolivianischen Gesellschaft: Arbeitslosigkeit und Landflucht ließen den informellen Sektor rasant wachsen. Gerade zu dieser Zeit traten die ersten Schuhputzer mit ihren Kästen in Erscheinung. Sie nahmen für ihren Dienst lediglich die Hälfte des Preises und wurden so zu einer starken Konkurrenz für die Schuhputzer mit Sitzen. Um nicht von diesen erkannt zu werden, verbargen sie ihr Gesicht hinter einer Sturmmütze – der Beginn des Lebens hinter Masken.

Heutzutage ist der Gebrauch allgemeine Praxis, 72% der Schuhputzer gaben 2010 an, nur mit Maske zu arbeiten. Davon führten 75% als Grund die Angst vor Diskriminierung durch Familienangehörige, Freunde, Lehrer und Dozenten oder Nachbarn an. Einige gaben auch an, die Maske als Schutz vor den Abgasen der Autos, in dessen Höhe sie sitzen, und vor Giftstoffen der Schuhputzcreme zu nutzen. In einer Studie mit der Staatlichen Universität San Andrés konnten wir allerdings nachweisen, dass der tägliche Kontakt mit der Schuhputzcreme sich nicht negativ auf die Gesundheit der Schuhputzer auswirkt. Gegen die Autoabgase und die ständig wechselnden Temperaturen an einem Tag könnten sich die Schuhputzer auch auf andere Weise schützen, eine komplette Vermummung wäre dafür nicht notwendig. So spricht sehr viel dafür, dass die Maske vor allem aus Scham getragen wird, für eine Arbeit, die von der breiten Gesellschaft als schmutzig und minderwertig angesehen wird.

Seit 14 Jahren arbeitet VAMOS JUNTOS mit den Schuhputzern, die täglich im Zentrum von La Paz ihrem Beruf nachgehen. Die mit ihrer Arbeit verbundene soziale Isolierung und Diskriminierung hat für viele ein geringes Selbstbewusstsein und eine wenig chancenreiche Zukunft zur Folge. Einer der Bereiche der Arbeit von VAMOS JUNTOS stellt daher die Öffentlichkeitsarbeit dar, die zum Ziel haben soll, das Bild der Schuhputzer in der bolivianischen Gesellschaft zu verbessern. Durch Aufklärung, aber auch durch öffentliche Aktivitäten, die einen Kontakt zwischen den Schuhputzern und den "Paceños" herzustellen versuchen, möchten wir erreichen, dass Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung ein Ende haben. (Link zu "Projekte")

Unterstützung, das Schuhputzerbild in der Gesellschaft zu verändern, erhalten wir aktuell auch von politischer Seite. Im April dieses Jahres wurde vom bolivianischen Parlament einstimmig der Vorschlag angenommen, einen "Día del lustracalzado", einen Tag der Schuhputzer, einzuführen, der von nun an jedes Jahr im Dezember stattfinden soll. An diesem Tag soll der Beruf des Schuhputzers besonders gewürdigt werden und somit einen Beitrag zur Wertschätzung und Integration dieser Berufsgruppe geleistet werden. Die Zustimmung durch den Senat steht allerdings noch aus.

Den Schuhputzern selbst geht es aber natürlich um wesentlich mehr! Ihnen soll außerdem per Gesetz eine kostenlose medizinische Versorgung zugesichert werden, zumindest was ärztliche und Laboruntersuchungen sowie Medikamente angeht. Noch ist alles ziemlich vage, doch die Absicht ist da.

Arbeit mit verschiedenen Schuhputzergruppierungen

Bestehende Vorurteile gegenüber den Schuhputzern sind vor allem, dass sie auf der Straße leben, Alkohol- und Drogenprobleme haben, Klebstoff schnüffeln und Betrüger sind. In den 80er und 90er Jahren war die Plaza Pérez Velasco einer der gefährlichsten Plätze von La Paz mit der höchsten Kriminalitätsrate. Gleichzeitig putzen zu diesem Zeitpunkt um die achtzig Schuhputzer Schuhe. Um dieser Kriminalität entgegenzuwirken, wurden in den 90er Jahren die ersten Schuhputzerorganisationen gegründet; heute gibt es neun Organisationen, die offiziell im Vereinsregister eingetragen sind.

HEROES
Asociación de Lustracalzados de la Plaza de los Héroes, *19-11-1991

SAN FRANCISCO   
Asociación Central San Francisco, *08-12-1995

ALPAFLOR
Asociación de Lustracalzados Pasaje de las Flores, *12-03-1996

ALPAZ (früher ALPEVE)
Asociación de Lustracalzados de La Paz, *04-05-1996 (Asociación de Lustracalzados de la Plaza Pérez Velasco)

ALCOR
Asociación de Lustradores en Calzados Central Correos de La Paz, *18-03-1998

ALAM
Asociación de Lustracalzados de la Plaza Alonso de Mendoza, * 17-04-1998

ALCAM
Asociación de Lustracalzados Central Alcaldía Municipal La Paz, * 10-05-1998

ALPACHS-110
Asociación de Lustracalzados Pasaje Comercio Hotel Socabaya, San Pedro y Villa Fátima,*17-12-1998

ALPRA
Asociación de Lustracalzados de la Av. 16 de Julio Paseo El Prado, *10-06-1999

Das Bild der Schuhputzer in der Gesellschaft ändert sich langsam. Durch ihre Organisationen unterstützen die Schuhputzer selbst diesen Wandel. So wählen sie seitdem regelmäßig ihren Vorstand, der für die Umsetzung gewisser Regeln zuständig ist und so das Verhalten der Mitglieder kontrollieren und auch sanktionieren kann: es gibt unter anderem regelmäßige Treffen, einheitliche Uniformen, ein Alkoholverbot am Arbeitsplatz und in Arbeitskleidung.

Trotz der vielen Regeln gibt es auch viele Vorteile, Mitglied einer solchen Organisation zu sein: Man verfügt über einen festen Arbeitsplatz und kann so möglicherweise auch ein festes Klientel an sich binden; dadurch steigen natürlich auch die Einnahmen. Außerdem steht man bei Problemen mit Klienten oder der Polizei nicht alleine da, sondern kann Rückhalt aus der Organisation erhalten.

Im Juli 2007 gründeten die Vertreter der Schuhputzerorganisationen die gemeinsame Föderation der Organisationen FUNDELPAZ. Erster Erfolg war die Erhöhung des Preises für ein Paar geputzte Schuhe nach 17 Jahren um 100% von 0,50 Bolivianos auf 1,00 Boliviano, im Mai 2013 kam es zur zweiten Erhöhung auf 1,50 Bolivianos (entspricht etwa 0,15 Euro) als Reaktion auf die steigenden Preise in den vergangenen Jahren. Diese Erhöhungen waren nur möglich durch die geschaffene Einheit unter den Schuhputzern.

2010 wurden gemeinsam Regularien mit der Stadt La Paz geschaffen, durch die die organisierten Schuhputzer einen festen Arbeitsplatz zugesprochen bekommen, für den sie allerdings nun auch jährlich Steuern zahlen. Ebenso sind in diesen Regularien die Rechte und Pflichten der Schuhputzer festgehalten. Alles in allem handelt es sich um eine offizielle Anerkennung des Berufes der Schuhputzer!

Der nächste Schritt ist nun der Entwurf eines Gesetzes für Schuhputzer, durch das der Tag des Schuhputzers (2. Dezember) geschaffen wird und in dem den Schuhputzern eine kostenlose Gesundheitsvorsorge zugesichert wird. Das Gesetz wurde im Mai 2013 im Parlament angenommen, der Beschluss des Senats steht allerdings noch aus. (Link zu "Projekte")

Uns ist es wichtig, die Schuhputzer im Bestreben nach gesellschaftlicher Anerkennung tatkräftig zu unterstützen! So nehmen wir regelmäßig an ihren Sitzungen teil, bieten ihnen Seminare an zu Themen wie Stärkung des Selbstvertrauens und Selbstbewusstseins oder Arbeiten im Team und in Führungspositionen und unterstützen sie bei Projektanträgen oder bürokratischen Anträgen.


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